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Der Jüdische Friedhof von Albisheim

Dieser Abschnitt unseres Abrisses der Albisheimer Geschichte ist einer Glaubensgemeinschaft gewidmet, die es heute in Albisheim nicht mehr gibt, den Juden. Jude, das ist nicht die Bezeichnung für ein Volk, für eine Rasse, noch für eine politische Richtung, es ist eine Glaubensgemeinschaft. Die „Juden“ sind keine biologische, sondern eine sozialreligiöse Einheit. Der Name leitet sich zwar von Juda ab, einem Stamm, der zusammen mit elf anderen Stämmen Israel bildete. Allein daraus erhellt schon, dass die „Juden“ keine volksmäßige oder rassische Einheit bilden. Dies wird durch das biblische Zeugnis bestätigt, denn wir erfahren durch das Alte Testament, dass sich die zwölf Stämme Israel mit den Kanaanitern, Amoritern, Hethitern, Amalekitern, Kenitern und Ägyptern, die alle den verschiedensten Völkern und Sprachen angehören, vermischt hatten. So sind die Hethiter z.B. den Indoeuropäern zuzurechnen, d.h. ihre Sprache ist, so seltsam es klingen mag, mit dem Deutschen, Englischen, Lateinischen, Griechischen und sogar Indischen verwandt, während die Ägypter zu der Sprachfamilie der Hamiten gehören. So ist es auch grundsätzlich falsch, von der semitischen Rasse zu sprechen, denn es gibt auch keine semitische Rasse. Semitisch ist die Bezeichnung für eine Sprachfamilie, die gemeinsame Merkmale aufweist. Ihnen gemeinsam ist der Reichtum von Kehllauten und sogenannten emphatischen Lauten, die am Gaumen gebildet werden, sowie die Vorliebe, eine reine Konsonantenschrift ohne Vokalbezeichnung zu entwickeln, im Satzbau Nebenordnung der Sätze anzustreben statt Unterordnung, eine Erscheinung die jedem Bibelleser vertraut ist, weil alle Satzanfänge und Weiterführungen das langweilige ‘und‘ haben. So gehören zu den semitischen Sprachen nicht nur das Hebräische, sondern auch das Aramäische (von dem ein besonderer Dialekt, das Galiläische, Jesu Muttersprache war), das Arabische, das Assyrisch-Babylonische und unter anderem auch das Kirchenäthiopische, das Ge‘ez. Antisemitismus ist eine wirklich merkwürdige Bezeichnung für eine Einstellung, die eigentlich gegen die Juden gerichtet ist, und die dann besser und deutlicher als Antijudaismus zu bezeichnen ist, weil man dann weiß, was gemeint ist. Diese oben skizzierte Sprachfamilie nennt man seit August Ludwig von Schlözer (*5.7.1735 † l.9.1809), Prof. in Petersburg und eigentlich Erforscher der russischen Geschichte, semitisch. Dieses Wenige soll einmal zu den Begriffen ‘Jude‘ und ‘Semitisch‘ genügen.
Ganz bewusst heißt dieser Abschnitt nicht ‘Die Juden von Albisheim‘, sondern ‘Der Judenfriedhof zu Albisheim‘. Denn eine erschöpfende Darstellung der Juden in Albisheim kann in dem vorgegebenen Rahmen nicht vorgelegt werden, zudem hätte eine solche Darstellung mehr Zeit erfordert, als sie der Verfasser zur Verfügung hatte. Die Eingrenzung dieses Themas auf den Friedhof ergab sich deshalb, weil ein Friedhof zwar in erster Linie Ruhestätte für die Verstorbenen ist, zugleich aber durch die Gestaltung der Gräber und der Grabsteine sich als kulturhistorisches Zeugnis darstellt, wie wir sehen werden.
Der Albisheimer Judenfriedhof ist entsprechend jüdischer Vorschrift außerhalb der bebauten Ortschaft angelegt. Er liegt auf etwas mehr als halber Höhe am Osthang des Wingertsberges. Er umfasst ein gegen Norden gerichtetes spitzwinkliges Dreieck von etwa 0,05 5 ha. Im Westen gegen den Berg hin schließt ihn ein hoher, wohl natürlicher Lehmwall ab, während er im Süden und Osten durch eine gemauerte Einfriedung abgegrenzt ist. Der Friedhof selbst liegt versteckt hinter Bäumen und Sträuchern. Er zeigt zwei Reihen von Grabanlagen wie die Grabsteine zeigen, teilweise wurde eine dritte Reihe angefangen. Die Grabsteine sind geostet, d.h., da sie zu Häupten der Verstorbener stehen, schauen sie nach Osten, nach Jerusalem mit dem zerstörten Tempel, dem Wohnort Gottes. Dorthin geht ja auch das Gebet des frommen Juden. Jedes jüdische Wohnzimmer besaß ein Bild, ‘Misrach‘ d.h. ‘Osten‘ genannt, das diese Gebetsrichtung angibt. Dieses Bild kann eine Originalzeichnung sein, ein Kunstdruck oder eine Stickarbeit. Es weist stets den Gottesnamen auf, oft dazu Darstellungen von Jerusalem, der Tempelruine oder der Klagemauer. (Es sei hier daran erinnert, dass diese jüdische Sitte von Mohammed übernommen wurde, als er die Gebetsrichtung für den frommen Muslim ursprünglich nach Jerusalem festlegte. Erst als ihn die Juden der Stadt Jathrib, wohin er 622 n. Chr. geflohen oder ausgewandert war, als geistlichen Führer ablehnten, änderte er die Gebetsrichtung nach Mekka. Jathrib erhielt übrigens wegen der Aufnahme Mohammeds den Ehrennamen medinatu-n-nabiy = Die Stadt des Propheten, oder kürzer Medina.) Auch wir Christen haben die Gebetsrichtung übernommen, wie die großen Apsiden der Dome Mainz, Worms und Speyer zeigen. Die Apsis oder der Chor nahmen den Altar auf. Diese Richtung hängt zum einen mit Jerusalem als dem Sterbeort Christi zusammen, zum anderen aber mit der christlichen Deutung einer Stelle beim Propheten Maleachi (Kap. 3, Vers 20): „Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln.“ Diese Sonne der Gerechtigkeit wurde von den Christen auf Christus gedeutet. Da nun aber bei uns die Sonne im Osten aufgeht, der Himmelsrichtung, aus der die Sonne der Gerechtigkeit erwartet wird, wird deutlich, warum in mittelalterlichen Kirchen der Altar in den Ostteil der Gotteshäuser gelegt wurde.
Wann das Gebiet, das den Albisheimer Judenfriedhof bildet, von der politischen Gemeinde durch die jüdischen Gemeindemitglieder erstanden wurde, ist nicht bekannt. Jedenfalls scheinen die beiden Reihen von Grabanlagen dem 19. und 20.Jahrhundert anzugehören. Hier ein endgültiges Urteil zu fällen ist schwierig, da die alten Sandsteine oftmals so stark verwittert sind, dass gerade die Schriftreihen, in denen die Jahreszahlen zu vermuten sind, durch Spritzwasser bei Regenschauern gänzlich unleserlich sind. Auf Grund von Formen der Grabsteine ist vielleicht auch noch mit dem späten 18.Jahrhundert zu rechnen, doch müssten dazu alle Grabinschriften genau untersucht werden. Da in der spitzen Nordecke noch ganz alte Grabsteine zu liegen scheinen, die teilweise überwachsen sind und, soweit ersichtlich, keine Inschriften erkennen lassen, könnten wir vielleicht sogar noch etwas weiter zurückgelangen. Jedenfalls können wir zwischen 1722 und 1790 für Albisheim drei Judenfamilien mit ihren Angehörigen nachweisen, die in den Judenschutzakten der Herrschaft Kirchheimbolanden erwähnt sind. Zwischen 1722 und 1740 sind dies die Familien des Judt Süßkind, des Judt Benedikt und des Abraham Gümbel, der 1769 Schultheiß von Albisheim war. Dabei ist der Name des Judt Benedikt besonders aufschlussreich. Viele Juden, die sich besser assimilieren wollten, um sich in die Gesellschaft zu integrieren, nahmen entweder zu ihrem hebräischen Namen (Nachnamen wurden. ja zwangsweise verordnet) die deutsche Übersetzung hinzu, z.B. Dov-Bär, Löw Hertz (hebr. lev= Herz) Löw hat also nichts mit unserem Löwe zu tun. Oft übernahmen sie Namen aus dem Umfeld, in dem sie lebten, ein alter Vorgang wie die Namensdoppelung Saulus-Paulus zeigt, manchmal rein nach dem Klang, manchmal mit dem gleichen Sinn. So kommt Benedikt von dem lateinischen benedictus = der Gesegnete und entspricht damit dem hebräischen Vornamen Baruch. Ursprünglich hieß dieser Mann also sicherlich Juda (ben) Baruch, Juda Sohn des Baruch. Das bekannteste Beispiel für den Namenswechsel von Baruch zu Benedikt ist der berühmte holländische, aus jüdischer Familie stammende, Philosoph Baruch oder Benedictus de Spinoza, der 1632 in Amsterdam geboren und 1677 in Haag gestorben ist und einen nicht unerheblichen Einfluss auf Dichter wie Lessing und Goethe, sowie Philosophen wie Fichte, Schelling und Hegel ausübte.

Der jüdische Friedhof, auch der Albisheimer Judenfriedhof, ist grundsätzlich schmucklos. Ein Stein zu Häupten gibt Kunde vom Verstorbenen. Da man im Altertum keinen Grabschmuck kannte, kennt auch das Judentum nur schmucklose Gräber und Friedhöfe. Da in palästinischer Zeit die Gräber mit großen Steinen markiert wurden und jeder Besucher einen großen Stein mitbrachte — was zugleich einen Schutz für den Leichnam vor wilden Tieren war — ist die jüdische Sitte geblieben, bei jedem Besuch des Grabes ein kleines Steinchen auf die Grabsteinplatte zu legen. Ein jüdischer Friedhof kann niemals aufgelassen werden, da die Verstorbenen an diesem Ort auf die Auferstehung der Toten am jüngsten Gericht warten. Aus diesem Grunde ist auch eine Mehrfachbelegung ausgeschlossen, bzw. verboten.


Verfasser: Rüdiger Unger, Quelle: Festschrift anl. der 1150 Jahr-Feier der Gemeinde Albisheim, 1985.
Digitalisiert und überarbeitet: Rainer Schroedel